"Davai, davai"... auf zur Choresm-Expedition! Erinnerungen an Tolstov

      "Davai, davai"... auf zur Choresm-Expedition! Erinnerungen an Tolstov

      Ich weiß nicht, ob Sergej P. Tolstov diese Worte des öfteren gebrauchte, um sein Team in manchen Situationen zur Eile anzutreiben, aber ich kann es mir wahrhaftig vorstellen.

      „Davai, davai!“ sind Worte, die noch jetzt in meinen Ohren nachklingen. Worte, die automatisch in Bewegung umgesetzt werden- zumindest ging es Kerstin und mir während unserer letzten Reise nach Usbekistan so.
      Immer, wenn es hieß „Davai, davai!“ reagierten wir sofort, stellten keine blöden Nachfragen und taten, wozu wir angehalten wurden: Sie ließen uns zügig in ein Taxi einsteigen, unser Gepäck ergreifen, eine Straße überqueren, Reisepässe zücken, schneller gehen...... die Liste wird endlos.

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      Eine Forschungsreise in Eigeninitiative zu planen und durchzuführen erfordert einen hohen körperlichen und geistigen Einsatz. Nicht nur die Reise, sondern die Vor- und Nachbereitung sind mit viel Arbeit und Zeitaufwand verbunden. Wozu dann also auf Forschungsreise gehen? Weil sich ohne die mit der Arbeit verbundenen Euphorie, dem Entdeckergeist und dem Interesse an einer Sache nichts in dieser Welt bewegen würde!
      Es schließt sich für manch einen, der sich noch nie mit dem Wesen der Archäologie beschäftigt hat, vielleicht die Frage an, warum es Sinn macht, in der Vergangenheit herumzugraben?

      Fragen wir uns zunächst, was das leitende Prinzip eines echten Pioniers wie Tolstov war, das ihn dazu bewog, die anstrengenden Choresm- Expeditionen zu starten: Er wollte Licht in das Dunkel der frühen Geschichte Zentralasiens bringen.

      Während der Islamisierung ab 712 n. Christus wurden fast alle schriftlichen Zeugnisse der choresmischen Zivilisation, vor allem auch wissenschaftliche Literatur zerstört. Alles, was vor dieser Zeit war, kann nur von wenigen und zum Teil so schwer verständlichen Quellen entnommen werden, dass sie kaum in die Analyse der Archäologen mit einbezogen werden konnten. Am interessantesten sind hier die „Avesta“, die heiligen Bücher des legendären Zarathustra, in denen Choresm namentlich erwähnt wird.
      Die alte choresmische Kultur ging nach und nach verloren, die eigene Sprache und Schrift wurde verboten. Von Bedeutung für die Recherche der Archäologen, aber ebenso schwer einzubeziehen, waren spätere Aufzeichnungen des muslimischen Gelehrten al Biruni, der 973 n. Chr. in Choresm geboren wurde und seinerseits Nachforschungen anstellte.
      Um die frühe Geschichte Zentralasiens zu erhellen, war also eine Expedition unumgänglich. Tolstov verschaffte sich per Flugzeug einen Überblick über das riesige zu erforschende Areal des alten Choresm. Ein Gebiet, in dem interessanterweise drei Wüsten aufeinandertreffen: Die Kyzilkum-Wüste, die Karakum-Wüste und die Ustjurt-Plateau-Wüste.

      Die Perspektive aus der Luft ermöglichte es ihm, sich einen Gesamtüberblick über alle historischen Stätten zu verschaffen und erstmals eine umfassende Kartografie vorzunehmen.

      Die meisten Spuren der choresmischen Zivilisation befinden sich am rechtsseitigen Ufer des Amudarja in der Kyzilkum-Wüste in den Ruinen alter Städte aus Lehm, doch erst aus der Höhe konnten interessante Beobachtungen gemacht werden: Beispielsweise schienen einzelne Kalas (Bezeichnung für alte Stadt) zueinander in Beziehung zu stehen und nach einem System erbaut worden zu sein.
      Darüber hinaus fotografierten er uns sein Team weitere interessante Gebilde aus Lehmmauern, die überdimensionale Figuren zu formen schienen und in ihrer Gesamtheit ebenfalls nur aus der Höhe zu erkennen waren.

      Man muss sich vorstellen, dass viele der monumentalen Lehmbauten fast versandet waren. Es waren im Laufe von Jahrzehnten viele Expeditionen und harte Knochenarbeit unter den erschwerten Bedingungen der Wüste nötig, um die alten choresmischen Denkmäler unter einer bis zu vier Meter dicken Sandschicht aus der Versenkung wieder zum Vorschein zu holen!
      Tolstov führte Tagebuch, um seine ersten Eindrücke der Expeditionen zu bewahren. Seine Erinnerungen, die bisher leider nur in russischer und englischer Sprache vorliegen, wecken beim Lesen Nostalgie und Abenteuerlust.
      Bilder
      • Tolstow im Flugzeug R 3.jpg

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      Natürlich waren wir nicht autorisiert wie professionelle Archäologen mit einer entsprechenden Ausrüstung in die Wüste zu ziehen, um dort nach archäologischen Schätzen zu graben. Es wäre dennoch möglich gewesen, denn weit und breit ist in der Regel bei den meisten Kalas keine Menschenseele zu sehen und Kalas gibt es in Choresm an die dreihundert.

      Wir hätten die Monumente aus Lehm nur zu gerne „unter die Lupe“ genommen, denn es ist kaum zu glauben, dass die wenigsten vollständig und viele bis heute noch kaum erforscht sind. Doch hätte die Zeit neben unserem vollen Programm ohnehin nicht dafür ausgereicht und Funde gab es mit dem bloßen Auge zu entdecken. Zahlreiche Bruchstücke von den verschiedensten Keramiken liegen auf der Oberfläche der Ruinen verstreut. Was auf der Oberfläche liegt darf mitgenommen werden. Für den europäischen Raum wäre das undenkbar! Jedes noch so winzige Teilstück wäre schon längst sorgfältig gesäubert, nummeriert und zugeordnet in irgendwelchen Schächtelchen verschwunden, oder aber als Schale, Topf oder Krug zusammengesetzt in Museen ausgestellt worden.

      Okjabr Dospanow stand uns als fachkundiger Archäologe beratend zur Seite. Es liegt wohl in der Natur eines Archäologen keinen Schritt zu gehen ohne forschend den Boden abzusuchen. So war er voll in seinem Element und es dauerte nicht lange, da hielt er uns die ersten Funde entgegen, zu denen er gleich interessante Geschichte zu erzählen wußte.

      Wir suchten und fanden auf unserer Entdeckungsreise nicht nur uralte Keramik: Oktjabr zeigte uns eine Karte, die von Tolstov angefertigt wurde. Wir nahmen die Spur zu einer verschollenen privaten Bibliothek auf, fanden auf interessanten Wegen wissenschaftliche Literatur, wurden auf alte Legenden aufmerksam, erfuhren spannende Neuigkeiten, ..... so dass es noch viel zu berichten geben wird.
      Kommen wir zurück zu der Ausgangsfrage:
      "Es schließt sich für manch einen, der sich noch nie mit dem Wesen der Archäologie beschäftigt hat, vielleicht die Frage an, warum es Sinn macht, in der Vergangenheit herumzugraben?"

      Die Gegenwart entsteht aus der Vergangenheit und formt die Zukunft. Die Welt, so selbstverständlich sie uns heute auch erscheinen mag, wurde aus dem Ideengut, den Vorstellungen, den Lebensarten vergangener Zivilisationen geprägt.
      In das Gebiet der drei Wüsten führten Handelswege der berühmten Seidenstrasse hinein. Die Seidenstrasse ermöglichte nicht nur einen Austausch an Waren: Religionen und Kulturen fanden so ihren Weg von Ost nach West und umgekehrt.
      Für uns sind vor allem die frühen Jahrhunderte vor und nach Christus von Bedeutung, die archäologische Hinweise auf eine zarathustrische Religion hinterlassen haben. In den Ruinen sind noch heute teilweise Altäre zu erkennen, die auf mystische Feuerzeremonien hinweisen.

      Am Beispiel des vergangenem Choresm erkennen wir, dass es uralte Zivilisationen gegeben hat, deren Gedankengut beinahe verloren ging. Die Gedanken der frühen choresmischen Zivilisation kreisten nicht nur um ihre eigene kleine Welt, sondern reichten weit darüber hinaus. Wir suchen nach altem verborgenem Wissen, dass selbst unsere heutige Zeit noch bereichern, ja sogar zukunftsweisend sein kann.
      Vielleicht setzen wir an manchen Stellen da an, wozu Archäologen wie Tolstov keine Zeit mehr fanden, so beispielsweise die alten Schriften Zarathustras und die wissenschaftlichen Abhandlungen Birunis für eine Recherche in Betracht zu ziehen. Darüber hinaus setzen wir uns mit sehr modernen Wissenschaften wie der Astroarchäologie auseinander. Es gibt hochinteressante Ausführungen des russischen Archäologen Bistruschkin zu der Anordnung verschiedener Kalas in diesem Gebiet und einzelnen historischen Stätten wie Koi-Krylgan-Kala.