Arkaim und das sagenhafte "Land der Städte" im Südural

      Arkaim und das sagenhafte "Land der Städte" im Südural

      Im Südural, im südlichen Umkreis von Tscheljabinsk, in einem Gebiet an den östlichen Hängen des Uralgebirges wurde längst Vergangenes wieder gegenwärtig. Seit etwa der letzten drei Jahrzehnte vor der Jahrtausendwende kamen uralte befestigte Siedlungen aus der Bronzezeit und aus der Ära des Übergangs vom dritten in das zweite Jahrtausend vor Christus nach und nach aus der Versenkung der süduralischen Steppe wieder zum Vorschein. Der Kulturkomplex einer einzigen Siedlung setzte sich zumeist aus einer speziellen Stadtzone, einer Totenstadt, Handwerksbetrieben, Erzgruben, sowie einer nicht befestigten Siedlungen zusammen.

      Viele der befestigten Siedlungen erinnern aufgrund ihrer Nutzung und Struktur insgesamt an Städte, weshalb Archäologen das weitflächige, etwa 350 x 350 km einnehmende Ausgrabungsgebiet symbolisch als das „Land der Städte“ bezeichneten. Die originellen, sehr ungewöhnlichen Bauten mit mächtigen Wänden und komplizierten Konstruktionen beschreiben eine Monumentalarchitektur, die Erfindung einzigartiger Techniken, ein raffiniert ausgebautes Kanalisations- und ausgeprägtes Kommunikationssystem weisen auf eine hochentwickelte Zivilisation hin. Die Entdeckungen waren nicht nur aus einer wissenschaftlichen Perspektive eine außerordentliche archäologische Sensation, sondern stießen darüber hinaus auf eine große öffentliche Resonanz in der Bevölkerung Russlands.

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      Sintaschta und Arkaim

      Über 20 historische Siedlungen, Grabhügel und zahlreiche Artefakte wurden im Südural gefunden, darunter befinden sich besonders erforschte Komplexe wie Sintaschta und Arkaim, die auf eigenen Seiten vorgestellt werden sollen. Mit einer enormen Begeisterung und einem hohen Aufwand wurden die Überreste uralter Zeiten jahrzehntelang von den verschiedensten Experten und Studenten ergraben, freigelegt und analysiert. Beide Objekte weisen die Form einer architektonisch hochpräzisen kreisrunden Anlage auf, wie sie uns bereits auf einer vorhergehenden archäologischen Forschungsreise nach Usbekistan in Koy-Krylgan-Kala begegnete. Da das Uralgebirge zudem als Grenze zwischen Ost und West (siehe von „West nach Ost“) auf einem Längengrad mit unserem vormaligen usbekischen Zielort Kungrad liegt, gab es triftige Gründe für uns, eine Forschungsreise in das „Land der Städte“ zu unternehmen.
      Detaillierte wissenschaftliche Literatur über sämtliche bisher im „Land der Städte“ gefundenen Objekte ist kaum vorhanden und vorhandene längst nicht ins Deutsche übersetzt, so dass eine vollständige Beschreibung nicht möglich ist. Ebenso konnten noch nicht alle Städte in einem großen Stil erforscht werden. Während unserer Forschungsreise erfuhren wir, dass viele der sensiblen historischen Stätten aus Schutz vor einer weiteren Zerstörung nach der Ausgrabung wieder zugegraben wurden. So war es kein leichtes Unterfangen, die Anlage von Sintaschta in der weitläufigen Steppenlandschaft des Südurals ausfindig zu machen. Doch ist nicht immer nur die Präsenz eines Objektes von ausschlaggebender Bedeutung, sondern sein Inhalt und das Bewusstsein, das im geistigen Erleben mit der Vergenwärtigung vergangener Epochen der Menschheitsgeschichte geweckt wird. Eine sinnvolle Wiedererrichtung des "Landes der Städte" in einem größtmöglichen Umfang hat mit der Entdeckung Arkaims begonnen und an die 4oo archäologischen Anschauungsobjekte wurden bereits restauriert und rekonstruiert.

      Uns lagen keine konkreten Angaben über die tatsächliche Anzahl der Städte vor. In dem an Arkaim angegliederten Museum zählten wir auf einem ausgehängten Lageplan 21. Die einzelnen Städte liegen 40-60 km voneinander entfernt. Die Zahl von 18 Städten rückte für uns in den Vordergrund, da sie nach einer vorab gelesenen Information interessanterweise in einem Verhältnis von 9:9 zu beiden Seiten eines- in diesem landschaftlichen Bereich aus mehreren Zuflüssen des Urals und Tobols gebildeten- Flussdeltas angeordnet gewesen sein sollen.

      Insgesamt konnten drei geometrische Gebäudeformen in Ellipsen, Kreisen und Quadraten unterschieden werden. Die Standorte wurden vermutlich nicht zufällig gewählt. Drei der Städte waren zweischichtig und die nähere Untersuchung zeigte, dass die oberen Schichten jeweils neue Städte bildeten, die auf die Ruinen der bereits älteren Städte aufgesetzt wurden. Einige Siedlungen des Arkaim ähnlichen Typs befanden sich wie auf einzelnen Inseln, was zu Zeiten des Hochwassers im Frühling zu erkennen ist.

      Rettung Arkaims

      Die Ausgrabungsstätten im Südural samt ihrer Funde gaben den Wissenschaftlern viele Rätsel auf, die sich erst mit der vergleichsweise späten Entdeckung von Arkaim im Jahre 1987 (Sintaschta wurde 1972 entdeckt) allmählich zu lösen schienen. Arkaim wurde mehr oder weniger zufällig anhand von Aufklärungsphotos des ehemals sowjetischen Militärs 1956 erstmals gesichtet. Ihre sensationelle Bedeutung blieb dennoch bis zu einem an dieser Stelle geplanten Bau eines Staudamms unerkannt. Ohne eine spektakuläre, von Lehrern, Studenten und Schülern gestartete, groß angelegte Rettungsaktion hätte beinahe nichts mehr an diese seltene, für die Entwicklung der Menschheitsgeschichte aussagekräftige Anlage erinnern können. Die bereits begonnenen Arbeiten wurden aufgrund des öffentlichen Aufbegehrens glüchlicherweise gestoppt und das Gebiet schließlich zu einem Naturschutzgebiet erklärt. Nach wie vor ist der gesamte Umfang der runden Anlage nur aus der Perspektive der Luft zu erkennen. Gleich einem Bodenrelief heben sich die zwei riesigen ineinanderliegenden Kreise der Anlage trotz des Steppengrases dunkel vom Steppengrund ab. Vor Ort unternahmen wir den Versuch, die Stadt ein Stück weit mit den Augen zu verfolgen oder abzugehen, um ein Gefühl für die enormen Raummaße zu bekommen.

      Arkaim, Hinweise auf eine unbekannte Protozivilisation

      Arkaim ist eines der Bauwerke im „Land der Städte“, das von einem einzigen Volk innerhalb einer Zeitspanne von nur 200 Jahren erbaut wurde. Hier entwickelte sich eine Protozivilisation, die einen eigenständigen Weg zu gehen schien. Ein kontinuierliches Fortsetzen ihrer Kultur konnte weder im Westen noch im Osten gefunden werden. Viele Legenden ranken sich um diesen mystischen Ort, der von Archäologen, Historikern und Sprachwissenschaftlern seit geraumer Zeit gesucht wurde. Im Unterschied zu allen anderen Anlagen war Arkaim ein zentraler Ort mit einer heiligen Aufgabe, dem eine besondere Rolle im religiösen Leben der damaligen Menschen zukam. Könnte Arkaim der Entstehungsort von Zarathustrismus gewesen sein und somit als die geistige Quelle für alle modernen Weltreligionen gedient haben? Für die Recherche werden uralte heilige Schriften wie „Rigveda“ und „Avesta“ in Betracht gezogen. Es gibt zahlreiche Fundstücke mit spirituellen Symbolen und viele Anzeichen deuten, entsprechend einer avestischen Tradition, auf praktizierte Feuerrituale.
      Deuten die Spuren darauf hin, dass sich in diesem geografisch wie topologisch hochinteressanten Bereich der Erde eine Ur-Zivilisation entwickelte? Könnte hier, im Grenzgebiet zwischen Ost und West, die Heimat der antiken Indoiraner und gleichsam der Ursprung der indoeuropäischen Kultur gewesen sein als Vorläufer unserer heutigen Welt?

      Observatorium Arkaim

      Diese zentrale Anlage des "Landes der Städte" diente unserer Überzeugung nach, in Anlehnung an die Auffassung des russischen Archäologen Bistruschkin, ebenso wie die Anlage von „Koy-Krylgan-Kala“ in Usbekistan nicht nur als eine religiöse Kultstätte oder ein Tempel, sondern als eines der ältesten und präzisesten Observatorien in der Geschichte der Menschheit. Arkaim ist in seiner gesamten Konstruktion eines der bemerkenswertesten astronomischen Denkmäler. Es wurde mit einer für die Zeit seiner Entstehung geradezu unfassbaren, laut Bistruschkin selbst mit den modernsten Messgeräten kaum zu erreichenden Genauigkeit nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet und anhand natürlicher wie künstlich errichteter Flächen an den Horizont gekoppelt. Die gesamte Anlage war als ein Abbild des Universums konzipiert, an der astronomische Ereignisse abgelesen werden konnten. Arkaim muss vor dem eigentlichen Bau sorgfältig durchdacht und geplant worden sein und es hat den Anschein, als ob es keinen anderen Platz auf dieser Erde für seine Errichtung gegeben hätte. Woher verfügten Menschen der Urzeit über derartige Kenntnisse?

      Natur- und Kulturpark Arkaim

      Auf der Basis von Arkaim ist heute ein Aufklärungs-, Bildungs- und Wissenschaftszentrum enstanden. Neben der antiken Protostadt verlieh Arkaim einem groß angelegten Natur- und Kulturpark seinen Namen, zu dem mittlerweile 14 weitere Städte samt ihrer archäologischen Umgebung von jeweils 24-100 Hektar zählen. Dieser Natur- und Kulturpark ist in seiner Form einzigartig, denn hier werden sowohl Ökosysteme als auch historische Stätten geschützt und in ihren wechselseitigen Zusammenhängen erforscht. Ein Museum für Archäologie und Ethnografie wurde eingerichtet, sowie ein Park für Geschichte unter freiem Himmel und Öko-Lehrpfade. Es gibt zahlreiche Forschungs- und Lehrprogramme zur Natur und Umwelt, zur Geschichte traditioneller und antiker Kulturen der Völker des Urals, zu historischen Technologien, zur Geologie, Botanik und Astronomie u.v.m.

      Arkai, ein Ort der Spiritualität

      Arkaim ist seit seiner Entdeckung zu einem geistigen Zentrum Russlands herangereift. Wie uranfänglich verehren nun wieder viele Menschen diese heilige Stätte. Ein Ort, der zurück in die Vergangenheit und gleichzeitig nach vorne in die Zukunft blicken lässt, der durch die Auseinandersetzung mit dem historischen Gedankengut unserer Vorfahren Wissen vermitteln kann.

      Wie noch an vielen Beispielen erläutert wird, zeugte die gesamte Lebensweise der Bewohner auf ein perfektes Zusammenspiel von Mensch und Natur. Ihr Weltbild war geprägt von einem hohen kosmologischen Verständnis. Sie waren sich ihrer Verbindung zur Erde und ihrer Einbindung in das größere Universum bewusst. Welche Weltanschauung kann es dem modernen Menschen geben?

      Arkaim ist durchtränkt von einer Spiritualität, die alles miteinander in Einklang zu bringen scheint. Während unseres Aufenthaltes in unmittelbarer Nähe der historischen Anlage konnten wir staunend beobachten, wie täglich ganze Gruppen von Menschen- im Morgengrauen wie in der Abenddämmerung -stundenlang auf einem Hügel stehend meditierten.

      Jährlich strömen Tausende von Menschen aus Russland nach Arkaim, um den Geist vergangener Epochen in sich aufzunehmen. Sie kommen, um einen Zugang zu ihrer eigenen Spiritualität, zur Natur oder zu den Sternen zu finden. Viele sind auf der Suche nach der Quelle ihrer Religion oder dem Sinn des Lebens. Viele kommen, um zu beten und Kraft zu schöpfen.

      Unsere Reise verlief sehr harmonisch. Sintaschta und Arkaim sind für uns überaus bewundernswerte Objekte, die wir im Vorfeld studiert hatten; das direkte Erleben der Atmosphäre lässt uns jedoch ganz nah verbunden bleiben. Wir halten weiterhin Kontakt zu liebenswerten engagierten Menschen, die uns behilflich waren, ebenso archäologisch interessiert sind und uns über die Entwicklungen im faszinierenden „Land der Städte“ auf dem Laufenden halten. Innerhalb unserer deutsch-russischen Studiengruppe sind wir bemüht, einige wissenschaftliche Texte zu übersetzen und erfreut, unsere gewonnenen Eindrücke und Erkenntnisse auf diesem Weg mit anderen teilen zu dürfen.